Long Dart “Vario” von Günter Wolsing

Woran erkennt man einen Wolsing-Drachen? Klar, am großen “W” in der Segelmitte oder am bunten Flickwark-Design. Doch schon lange bevor Günter Wolsing diese charakteristischen Merkmale für seine Drachen erfand, hat er sich mit der Entwicklung und dem Bau von Lenkdrachen beschäftigt. Ein Beispiel für eine seiner frühen Eigenentwicklungen ist der Long Dart “Vario” aus dem Jahre 1992.

Der Long Dart “Vario” entstand aus dem Long Dart Regelentwurf, den Günter Wolsing in seinem Buch “Lenkdrachen und Gespanne” ausführlich beschreibt. So hat der Long Dart “Vario” eine stattliche Spannweite von 276 cm und eine Standhöhe von 105 cm. Das Gestänge besteht aus 6 mm CFK-Rohren, die Leitkantenlänge beträgt 165 cm.

Da sich Günter Wolsing stets an lauten Drachen störte, baute er bereits zu dieser Zeit eine variable Spannschnur in die gerundeten Schleppkanten ein. Diese ermöglicht es dem Piloten, den Long Dart “Vario” mit loser Saumschnur langsam und präzise bei mäßiger Lautstärke oder aber geräuschlos mit gespannter Schnur, dafür etwas schneller, am Himmel zu bewegen. Sie verläuft, wie auch bei späteren Wolsing-Modellen typisch, von den Flügelspitzen bis zu den Standoffs, von wo aus die beiden Enden direkt durch eine Knotenleiter variabel verbunden sind, was dem Drachen den Zusatz “Vario” einbrachte.

Eine weitere Besonderheit des Long Dart “Vario” sind die ins Segel integrierte Raminholzstäbe, die von den Standoffs nach oben zur Drachennase verlaufen. Diese Stäbe hatten die Aufgabe, das Segel im Kielbereich zu stabilisieren, um so eine Verformung des Kiels im Flug zu verhindern. Bei späteren Modell kam Günter von dieser Idee jedoch wieder ab, da er erkannte, dass ein weicher Kiel die Ausformung des Segels durch den Wind begünstigte, wodurch seine Drachen flugstabiler wurden und sich die Flugeigenschaften wesentlich verbesserten.

Das gesamte Segel ist mit offenen Kappnähten verbunden, deren Kanten heiß geschnitten wurden. Da Günter auf eine Kielnaht verzichten wollte, um den Kiel transparenter zu gestalten, ergab sich am Übergang der beiden Paneele ein Knick im Nahtverlauf. Hier wurden die Nylonstoffe aufwendig mit zwei geraden Nähten und einer zusätzlichen Zickzacknaht zusammen gefügt. Diese wird von Günter als “Krallnaht” bezeichnet und kommt auch beim Stückwark-Design zum Einsatz.

Heute, 18 Jahre nach dem Bau dieses Drachens, wirkt der Long Dart “Vario” mit seinen Schlauchverbindern neben aktuellen Modellen vielleicht etwas “angestaubt”, was die zeitgenössische Farbwahl in neongrün und neonpink noch verstärken mag. Betrachtet man aber die technischen Details, stellt man schnell fest, dass in diesem Drachen einige Ideen verwirklicht wurden, die damals neu waren, sich aber bis heute durchgesetzt haben. Zugegeben, die langen Segellatten sind mittlerweile wieder verschwunden. Doch sie waren einen Versuch wert. Geblieben sind die gerundeten Schleppkanten und die Saumschnur, die zum Standard eines jeden aktuellen Lenkdrachens gehören. Vergleicht man die grundliegende Segelform des Long Dart mit aktuellen Wettkampfdrachen, sind deutliche Ähnlichkeiten auszumachen. Diese Form hat sich bewährt und somit darf der gestreckte Dart als die Urform aktueller Lenkdrachenmodelle gelten.

Viele Drachenkonstrukteure haben mit der Dart-Form experimentiert und sie mit neuen Ideen weiter entwickelt. Günter Wolsing ist einer dieser kreativen Köpfe, die diese Entwicklung vorangetrieben haben. Sein Long Dart ist noch heute ein respektables Drachenmodell, das ich immer wieder gerne an die Leinen nehme und mit Freude fliege. In Jens Baxmeiers Buch “Lenkdrachen” ist eine Bauanleitung des Long Dart “Vario” zu finden, dessen Titelbild das Schwestermodell meines Drachens mit umgekehrter Farbanordnung zeigt. Weitere Long Dart Modelle sind in Günter Wolsings Buch “Lenkdrachen und Gespanne” zum Nachbau oder zur abgewandelten Eigenentwicklung beschrieben. Beide Bücher kann ich jedem interessierten Drachenfreund wärmstens empfehlen.

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